KI-Glossar

EU AI Act (Verordnung über KI)

EU-Verordnung zur Regulierung von KI-Anwendungen, seit 2024 in Kraft, gestaffelte Umsetzung bis 2027. Klassifiziert KI-Systeme in vier Risiko-Klassen mit unterschiedlichen Pflichten pro Klasse.

Der EU AI Act ist die weltweit erste umfassende KI-Regulierung. Er gilt seit 2024, mit gestaffelter Umsetzung der einzelnen Bestimmungen bis 2027. Die zentrale Logik: KI-Systeme werden nach ihrem Risiko-Potenzial in vier Klassen eingeteilt — minimales Risiko, limitiertes Risiko, hohes Risiko, verboten. Je höher das Risiko, desto strenger die Pflichten.

In KMU-Praxis fallen die meisten Anwendungen in „minimales Risiko" oder „limitiertes Risiko". Mail-Triage, Datenextraktion aus PDFs, FAQ-Chatbots, automatische Klienten-Reports — alles minimal, kaum zusätzliche Pflichten gegenüber DSGVO. Bei limitiertem Risiko (z.B. Kunden-Chatbots) kommt eine Transparenz-Pflicht hinzu: der Nutzer muss wissen, dass er mit einer KI interagiert.

Hochrisiko-Klassifikation greift bei Anwendungen mit rechtlicher oder sicherheitsrelevanter Wirkung: Personalauswahl per KI (CV-Screening), Kreditvergabe-Entscheidungen, Versicherungspolizzen-Bewertung, medizinische Diagnostik. Hier kommen umfangreiche Pflichten zur Dokumentation, Risikobewertung, Daten-Qualitätssicherung und menschlichen Aufsicht hinzu. Ein normaler KMU-KI-Workflow ist davon meist nicht betroffen — aber wenn Sie z.B. ein Lead-Scoring entwickeln, das automatisch über Kundenpotenzial entscheidet, sollten Sie prüfen, ob es zur Hochrisiko-Klasse gehört.

Verbotene Anwendungen sind z.B. Social Scoring nach chinesischem Vorbild, biometrische Echtzeit-Überwachung im öffentlichen Raum, manipulative Verhaltens-Beeinflussung. Für KMU-Anwendungen praktisch irrelevant.

Wichtig: Der AI Act gilt parallel zur DSGVO, nicht statt ihr. Wer KI-Anwendungen mit personenbezogenen Daten baut, muss beide Verordnungen erfüllen.

Auf einen Blick

In Kraft
Seit 2024, gestaffelte Umsetzung bis 2027
Vier Risiko-Klassen
Minimal, limitiert, hoch, verboten
KMU-Standard-Anwendungen
Meist „minimales Risiko" — kaum zusätzliche Pflichten
Parallel zu DSGVO
Beide Verordnungen gelten gleichzeitig, ergänzen sich
Beispiel aus der Praxis

Eine Hausverwaltung führt eine KI-Mail-Triage ein: eingehende Mieter-Mails werden klassifiziert, an zuständigen Verwalter weitergeleitet, Auto-Empfangsbestätigung verschickt. Klassifikation nach AI Act: minimales Risiko. Pflichten: keine über DSGVO hinaus. Anders wäre es, wenn die KI automatisch über Mietverhältnis-Verlängerungen entscheiden würde — das wäre Hochrisiko und mit umfangreichen Pflichten verbunden.

Wann einsetzen — und wann nicht

Sinnvoll bei

  • Vor jeder neuen KI-Anwendung kurze Risikoklasse-Einschätzung machen
  • Bei automatischen Entscheidungen mit rechtlicher Wirkung sehr genau prüfen
  • Bei Kundenkontakt-KI (Chatbots, Voice-Bots) Transparenz-Pflicht erfüllen
  • Bei Hochrisiko-Anwendungen Dokumentation und menschliche Aufsicht von Anfang an einplanen

Eher nicht bei

  • Den AI Act als Grund nehmen, KI gar nicht einzuführen — KMU-Standard-Anwendungen sind kaum betroffen
  • Annehmen, dass DSGVO und AI Act dasselbe regeln — sie ergänzen sich

Häufige Fehler

  • Eine Anwendung als „minimales Risiko" einschätzen, ohne den konkreten Use-Case zu prüfen — bei Entscheidungs-KI sollte ein Jurist drüberschauen
  • Transparenz-Pflicht bei Chatbots vergessen („Sie sprechen mit einer KI") — kleine Aufschrift reicht
  • Erst nach Live-Schaltung Compliance prüfen — sollte vor Projektbeginn klar sein

Häufige Fragen

Gilt der EU AI Act schon für mich?
Für die meisten KMU-Anwendungen seit August 2025. Verbotene Praktiken wurden bereits 2024 untersagt. Hochrisiko-Pflichten werden bis 2027 schrittweise scharf gestellt. Standard-Anwendungen (Mail-Triage, FAQ-Bot, Reporting) haben kaum zusätzliche Pflichten gegenüber DSGVO.
Was muss ich konkret tun, um Compliant zu sein?
Bei minimalem Risiko: nichts über DSGVO hinaus. Bei limitiertem Risiko (Kundenkontakt-KI): Hinweis „Sie interagieren mit KI" sichtbar machen. Bei Hochrisiko: ausführliche technische Dokumentation, Risikobewertung, Daten-Qualität-Nachweis, menschliche Aufsicht — das ist substanzieller Aufwand.
Welche KMU-Anwendungen sind Hochrisiko?
Selten direkt. Aber prüfen: Personalauswahl mit KI-Screening (Hochrisiko), automatische Kreditentscheidungen (Hochrisiko), Lead-Scoring mit rechtlicher Auswirkung (Grenzfall), biometrische Kundenidentifikation (kann Hochrisiko sein). Standard-Workflow-Automation ist nicht betroffen.
Gilt der AI Act auch für selbst gehostete Open-Source-Modelle?
Ja. Die Verordnung gilt für das KI-System als solches, unabhängig davon, ob es kommerziell oder Open-Source ist. Wer Llama oder Mistral auf eigenem Server betreibt und damit eine Hochrisiko-Anwendung baut, muss dieselben Pflichten erfüllen wie bei kommerzieller Cloud-KI.
Wer prüft die Einhaltung?
Auf nationaler Ebene werden die Datenschutzbehörden federführend mit Marktaufsichtsbehörden zusammenarbeiten. In Österreich ist die Datenschutzbehörde (DSB) die primäre Stelle. Bußgelder sind hoch — bis zu 7 % des weltweiten Jahresumsatzes bei verbotenen Praktiken, niedriger bei Hochrisiko-Verstößen.

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